Die Naivität des Web2.0 oder warum twtpoll.com nicht twtvote.com heißt

Gastbeitrag:

Neulich mal wieder Spaß am Gerät gehabt und endlich verstanden, warum
das Web2.0 auch als ‘mitmach’-Web bezeichnet wird.

Was war passiert? Der ‘Top-Twitterer’ @ibo kam auf die Idee eine
Eintrittskarte für das nächste Web2.0-Event ‘NEXT09′ auszuloben. Einige
Interessierte haben sich beim ihm gemeldet. Nun sollte also die
‘Community’ entscheiden. Auf twtpoll.com konnte man abstimmen, wer die
begehrte Karte bekommen soll.

Auf dieser Plattform kann jeder in wenigen Sekunden eine solche
Abstimmung zusammen bauen. Die Wähler müssen kann nur noch ihr Häkchen
setzen und auf den Knopf ‘Vote’ drücken. Klar, das mach ich! Meine
Stimme bekommt @analythis – den kenne ich. Oh, wie nett, das Ergebnis
wird durch einfliegende Tortenstückchen angezeigt. Wenn ich zurück gehe,
wird der ‘Vote’ Button deaktiviert. Schade, kann ihm wohl nicht meine
Zweitstimme geben…

Um das Ergebnis der Abstimmung verfolgen zu können, aktiviere ich meinen
vor zwei Monaten gelöschten Twitter-Account neu. Sieh an, die haben noch
meine kompletten Daten. Soviel also zum Datenschutz bei Twitter…

Als ich kurze Zeit später wieder auf twtpoll.com schaue, um mir nochmal
die fliegenden Torten an zu schauen, kann ich nun doch nochmal wählen.
Komisch, haben die den nicht mit einem Cookie meinen Browser markiert
oder meine IP registriert? Ein Blick in den Seitenquelltext bringt
Klarheit. Nach dem Abstimmen wird per HTTP-Post ein Parameter von Seite
zu Seite mitgeschleppt. Wenn ich die Seite verlasse, ist natürlich auch
dieser Parameter weg und ich kann gleich nochmal wählen gehen.

Für eine Wahl ist das aber ein echt schwacher Schutz. Das ist ja so, als
ob man Streichhölzer zieht und jeder darf seinen Streichholz selber
mitbringen. Das muss ich ausprobieren ! Ich schnitze mir also ein paar
virtuelle Streichhölzer und werfe sie in den Pott. Mein Taschenmesser
hierfür ist ‘wget’. Jedesmal wenn ich folgende Zeile aufrufe, bekommt
@analythis eine neue Stimme:

wget –post-data
‘pa_id=50223&poll_id=11611&twt_token=5rx6s2&same_ip_flag=1&question_type=0′
http://twtpoll.com/php/form_handler_2.php

Schnell noch eine Schleife drum und schon ist @analythis der
Spitzenreiter. Worum ging es noch gleich? Ach ja, die Eintrittskarte zur
‘NEXT09′. Mal eben schauen was das eigentlich ist. Aua!, die wollen über
700 Euro Eintritt haben. Das beweist, dass man mit Web2.0 doch Geld
verdienen kann. Wenn es aber um so viel Geld geht, bekomme ich doch ein
schlechtes Gewissen. War das jetzt ein Hack? Bin ich jetzt Hacker? Das
wird mit zwei Jahren Knast bestraft! Mist, ich habe mein Leben verwirkt…

Oder vielleicht doch nicht? Stand da irgendwo etwas davon, dass man nur
einmal wählen darf? Nein, auf twtpoll.com steht davon nichts. Es ist ja
das ‘mitmach’-Web und jeder sollte mitmachen. Macht es einen
Unterschied, ob alle ein bisschen mitmachen oder einer besonders viel?

Das Gesetz spricht bei einem Hack vom Überwinden einer elektronischen
Hürde. Davon kann hier nicht die Rede sein. Schließlich ist es ja auch
durch erneutes Aufrufen der Webseite möglich eine zweite Stimme
abzugeben. Ich habe den Vorgang nur automatisiert. Ich habe also nichts
falsches gemacht. Trotzdem bleibt das Gefühl etwas verbotenes getan zu
haben.

Ich schauen mir also noch mal twtpoll.com an. Es ist scheinbar ein
Freizeit-Projekt eines Programmierers ohne kommerzielle Absichten. Wieso
hat der das so schlampig implementiert? Hat er diesen Fall nicht
vorhergesehen? Nein, hat er nicht -  musste er aber auch nicht. ‘poll’
bedeutet Befragung im Sinne von Umfrage. Bei einer Umfrage soll nur die
Meinung erfasst werden. Es geht dabei in der Regel um Nichts. Den Fehler
hat hier @Ibo gemacht. Auch im Web2.0 ist halt nur das drin, was auch
drauf steht. twtpoll.com ist keine Plattform für Wahlen, sondern nur ein
quick-n-dirty programmiertes Webtool.

Was wird jetzt aus mir? Wie kann ich jetzt mit dieser Schuld
weiterleben? @analythis hat mir gesagt, dass er die Karte unter diesen
Umständen sowieso an den Zweiten weitergeben wird. Das beruhigt mich
erstmal. Trotzdem möchte ich diesen Vorgang gerne im Web publik machen.

Ich entschließe mich also @analythis jetzt so viele Stimmen zu geben,
dass das wirklich jedem auffallen muss. Also schwubs, nochmal 1000
Stimmen dazu. Mal sehen, was @ibo jetzt macht. Bricht er die Abstimmung
jetzt ab? Nein! Aber offensichtlich hat jemand was bemerkt. Plötzlich
bekommt @phil_free, der Zweitplatzierte innerhalb weniger Sekunden 1500
Stimmen. @phil_free gewinnt die Abstimmung. Jetzt bin beruhigt. Der
Gerechtigkeit ist genüge getan und ich bin aus dem Schneider.
Schließlich bin ich jetzt nicht mehr für den Ausgang der Wahl
verantwortlich.

Ich hätte jetzt allerdings erwartet, das @ibo dazu in seinem Blog etwas
schreibt. Leider kam da bis jetzt nicht. Vermutlich wird diese
Abstimmung angesichts der hohen Beteiligung der ‘Community’ mit mehr als
4500 abgegeben Stimmen, als Erfolg des Web2.0 gefeiert.

Ich habe zumindest meinen Teil gelernt: Web2.0 ist nicht die zweite
Version des Web, sondern nur eine Wiederholung alter Fehler – aber
diesmal zum mitmachen  ;-)

MD

- ——————————————————————–
Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten ( oder verbessern ).

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